Freitag, 31. März 2017

Inklusion - Miteinander von Schwerstnormalen

Na dann mal los.
Drei von Vier Familienmitglieder gehen wochentags in einen Kindergarten - mit Hausschuhen und festem Platz. Zwei von diesen Drei spielen, essen, schlafen und lernen in der selben Einrichtung. Eine, also mich, führt der Weg über die große Kreuzung hin zum blauen Haus. Dort bin ich die Pädagogin und maßgeblich an der Gestaltung des Tages beteilgt. 

Das bringt Verantwortung, Aufgaben und Herausforderungen mit sich. Obwohl es jede Menge Spaß macht und mein Beruf großartig ist, erfordert er Reflektion und Arbeit an sich selbst. Meine Bildungsbiografie, meine Person und Persönlichkeit bedingen mein Handeln, was Auswirkungen auf die Kinder und das Miteinander im Haus hat. Ich bin ein Mensch. Keine Maschine. Ich bin nicht perfekt. Ich habe Gefühle, aber auch Stereotypen, Vorurteile, Sicht- bzw. Denkweisen in meinem Kopf. 


aus dem Vortrag von Prof. Dr. Timm Albers
Mein Basiswissen über Anderssein beruht nicht immer auf logischem Denken, sondern auf dem, was ich erfahren und gelernt habe im öffentlichen Raum und Zuhause. Wir ordnen unsere Welt, bilden Kategorien und Stufen ein, um unser Gehirn vor über Hitzung zu schützen und Klarheit zu gewinnen. Manchmal müssen wir Änderungen vornehmen und umordnen. 

Ich möchte über meinen Standpunkt nachdenken und das mit euch teilen. 


Lehren in unserem Alltag 

Was beeinflusst unsere Denkweise? 
Wir als Erwachsene sind Vorbilder und vermitteln unseren Kindern, wer und was anerkannt, abgelehnt und normal ist. Und wir haben es von unseren Eltern gelernt. Oder? 

Eine gesellschaftlich anerkannte Sichtweise wird transportiert durch Medien. Kinderbücher, Werbung (da denke ich besonders an die hellblaurosa Falle), Produkte, Fernsehen und das Internet spiegeln, entwerfen, vermitteln und verbreiten ein vermeindliches Ideal. 

Was für eine Wirklichkeit finden wir? 


aus dem Vortrag von Prof. Dr. Timm Albers 
Anknüpfend muss die Bedeutung und die Nutzung von Sprache in die Überlegung mit eingebracht werden. Wörter sind mächtig und ihnen haftet immer ein Verständnis an. Schon allein die Tatsache, dass sie uns verletzen können, unterstreicht das. Was wären wir zum Beispiel ohne unseren Namen? Würden wir unsere Identität dann suchen? Die Art und Weise wie wir Sprache einsetzten, beeinflusst unsere Denke. Viele festinstalierte und etikettierende Bezeichnungen sollten überdacht werden. Im Bildungssystem wären das  zum Beispiel "Regelkinder", "Sonderpädagogik" und "Integrationsstatus". Uneingeschränkt fiel mir da noch "Betroffene", "Chromosomenstörung" oder allgemein "Syndrom" ein. 

Ein Standpunkt kommt also nicht von ungefähr. Ich bezweifle auch Willkür. Erfahrungen spielen eine Rolle. Von ihnen wird eine Generalisierung in Gang gesetzt. Wir wachsen als Menschen einfach im Miteinander in Umwelteinflüssen. 

Inklusion - was jetzt?

Genau darum geht es: Im Alltag - im Kindergarten - stehen wir vor der Frage "Was jetzt?". An einem Ausgangspunkt befindlich soll etwas starten. Wegen Verbesserungswünschen, aus Langeweile heraus (wobei ich das auf die Kinder beziehe) oder in Problemsituationen soll eine Zukunftsperspektive entwickelt werden. 

Inklusion als Begriff kommt süreal und gewichtig daher. Blickwinkel und Kontext abhängig. Laut "Aktion Mensch" bedeutet es "Zugehörigkeit". Der Bildungsserver Berlin-Brandenburg konkretisiert es als "Zustand der selbstverständlichen Zugehörigkeit". Mit der UN-Behindertenrechtskonvention wird natürlich auch der Schwerpunkt gesetzt, dass es um "die uneingeschränkt Teilnahme von Menschen mit und ohne Behinderungen geht". 

Annedore Prengel spricht von "Egalitärer Differenz". 
Wen ich das richtig verstanden habe, geht es dabei um die Wertschätzung von Anderssein. Wir müssen das Potenzial erkennen, Ressourcen ermitteln und Möglichkeiten nutzen, die ein multiprofessionelles Menschenteam bietet. Dabei hat jeder Mensch, Kinder ebenso wie Erwachsene, unabhängig von Herkunft, Entwicklung und Chromosomenzahl die gleichen Rechte. 

Spannender Weise habe ich festgestellt, weil ich Frau Prengel gegoogelt habe, dass ich vor fast 10 Jahren in Golm ein Semster lang bei ihr lernen durfte. Ich erinnere mich an eine Vortragssituation. Ausgangspunkt war ein Buch. Ich frage mich, welches es war. 

Aber das nur am Rande... ebenso als Randnotiz: 
Die Zeit ist reif, Kinderrechte im Grundgesetz zu verankern. Wer Kinder stärkt, stärkt Familien und die Gesellschaft insgesamt. 
Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend macht sich stark dafür. 

Mit dem Bildungssystem im Rücken und als Fachkräfte in einer Kita bringt uns der Weg dahim, dass jedes Kind als Rechtsobjekt anerkannt wird. Damit einhergeht die Anerkennung der Kinder- sowie Menschenrechte. Und jedes Kind hat das Recht auf Bildung, auf Spiel und Teilhabe. Bereits die Teilhabe kann ein Knackpunkt sein, wenn es nicht für jedes Kind einen Kitaplatz gibt. Doch auch andere Strukturen bringen Stolpersteine. Und alles steht und fällt mit den Menschen. Bin ich bereit meinen Standpunkt zu hinterfragen? 

Der sogenannte "Index für Inklusion ", in deren Zusammenhang Helen Knauf genannt wird, kann von pädagogischen Einrichtungen genutzt werden. Es ist ein Handwerkszeug, was Prozesse der Weiterentwicklung anstoßen soll. Auch auf der Seite "Inklusionspädagogik" finden sich Anregungen.
aus dem Vortrag von Prof. Dr. Timm Albers
Vielschichtigkeit und Komplexität ging mir durch den Kopf. Impulse sind unschätzbar wertvoll. Die Bilder der Präsentation habe ich am vergangenen Freitag gemacht. Ich lauschte den Worten während des Symposiums. 

Die einzelnen Vortragspräsentationen können auf der Seite des didacta Verbandes unter "Kita-Symposium Leipzig 2017" angesehen werden.  


Meine Denke 

Es zieht sich durch, ich weiß. Ich wiederhole mich trotzdem. Meiner Meinung nach werden mit der pränatalen Selektion, die ich als Folge der frühen Chromosomentests sehe, Prozesse der Inklusion untergraben. Wir müssen uns einfach fragen, ob wir in der krankenkassenfinanzierten Schwangerschaftsvorsorge bei jedem Ungeborenen die Chromosomen zählen würden, wenn es eine kontinuierliche Willkommenskultur, gesicherte Unterstützung und Verständnis gäbe. Bei gelebter Inklusion würden wir uns andere Fragen stellen. 

Eltern werden zu Pflegekräften ihrer Kinder, Familien und das Privatleben wird zerstört und Armut droht - würden diese Behauptungen im Raum stehen, wenn es normal wäre, dass Hilfen angefragt und geleistet werden? 

Ängste gehören zum Leben dazu. Sie sind unser ureigener Schutzmechanismus. Aber wenn wir Angst haben, dass unser Leben beendet ist, wenn unser Kind nicht in die Norm passt, dann müssen wir uns fragen, wo es an gelebter Teilhabe, geachteten Menschenrechten und erlebter Vielfalt hapert? 

Für mich ist gelebte Inklusion das Miteinander von Schwerstnormalen. Jeder Mensch ist x- mal anders. Jeder Mensch ist normal. Unterschiede sind Teil unseres Lebens. Und wir müssen uns fragen, was wir tun können für ein angenehmes, bereicherndes und freudiges Miteinander.... 


Was für Gedanken verbindest du mit Inklusion? 
Welche Erfahrungen hast du gemacht? 

Dies ist der Anfang.
Nicht das Ende.

Anne 

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