Mittwoch, 7. Oktober 2015

Werte an einem S-Bahnhof

Der Fahrstuhl bringt uns hoch zum Übergang . Wir gehen den Tunnel entlang.  "Ein Tunnel ; nur oben, nicht unten", stellt Krümelie immerfort fest. Dort hören wir sie schon die Frau, die gurrende, knurrende Geräusche macht, den Arm hochreißt und ein paar Schritte vor und weniger zurück macht. Sie braucht lange um vorwärts zu kommen, nimmt die Menschen um sich scheinbar nicht wirklich wahr. Sie tut uns nichts. Wir sehen sie öfters.

An einem Tag flitzen wir nun also den "Oben-Tunnel" lang, um zur S-Bahn zugelangen.  Da sehe ich sie. Zwei Jugendlich filmen via Handy die Frau. Ja, wir bemerken sie auch. Sie verhält sich anders. Macht Geräusche, die von einer Erwachsenen nicht erwartet werden. Ihre Haare sind wirr und ihre Kleidung nicht adrett. Aber warum muss das gefilmt werden? Ich frage das. Ein höhnisches Lächeln ist meine Antwort. Was kann ich tun? Ich kann kein Handy wegnehmen. Es nicht verbieten. Meine Worte bleiben ungehört. Krümelie bemerkt es nicht. Wir stören uns nicht an der Frau. Hilfsangebote nimmt sie nicht wahr. Eine friedliche Koexistenz. Wir steigen in den zweiten Fahrstuhl, der uns zum Gleis bringt. Ich möchte mir nicht vorstellen, was mit dem Video passiert.

Was war das? - denke ich. Krümelie hat nichts gemerkt. Wenn doch, hätte sie wohl noch nicht verstanden, was die Jungen tun. Die Tragweite, das Anprangern, das Bloßstellen, die Herabsetzung würde sie nicht erfassen. Zum Glück. Ich will nicht, dass sie denkt, dass es richtig und in Ordnung ist jemanden zu filmen, weil er/sie sich ungewöhnlich verhält. Wie erwähnt, ich will mir nicht vorstellen, was mit dem Video passiert. Warum muss gefilmt werden? Was ist das Ziel?

Diese Szene ist mittlerweile gut zwei Wochen her. Ich schrieb das am Abend des Tages und speicherte vorerst.

Ich freue mich dieser Tage wirklich aufrichtig über die Vorstellung des "X-MAL ANDERS"-Buches auf der Frankfurter Buchmesse im Rahmen des "Beauty and the Book"-Award. Das schönste Buch mit meiner zauberhaften Krümelie auf dem Cover - ich würde es mir wirklich wünschen zu gewinnen. Erfreue mich vorrangig trotzdem daran, dass es klasse ist, dass das UTS in einem schönen Kontext erwähnt wird. Das nimmt ihm ein bisschen Ernsthaftigkeit. Ich meine das in einem guten Sinne. Krankheiten/Syndrom gehören mehr zur den Schattenseiten des Lebens. Zu den ernsten Dingen. Auf der Frankfurter Buchmesse erfährt es einen Hauch von Unbeschwertheit. Ach und es wäre einfach toll das vor Ort zu erleben, wie sich die Menschen das Buch anschauen. Ich bin ganz aufgeregt, überlege hin und her, wie ich vielleicht doch hin komme. Schmiede Pläne. Überlege und bin froh. Yeah, Top Ten! Toll!

Und dann denke ich an diese eingangs geschilderte Szene und werde traurig. Weil ich Parallelen ziehe. Weil ich nicht möchte, dass "Anderssein" eine Koriosität ist, die gefilmt werden muss. Es gibt keinen Grund über die Frau zu lachen; sich lustig zu machen. Ich frage mich: Was sollte das? Welche Werte möchte ich meinen Kindern mitgeben, damit sie so etwas nicht tun?

Es bewegt mich. Es beschäftigt mich. Schönes und Trauriges liegen manchmal nah bei einander...

Kommentare:

  1. "so etwas" werden Deine Kinder niemals tun, weil sie eine Mama haben, die ihnen jeden Tag Empathie vorlebt und vermittelt, dass jeder Mensch es wert ist mit Respekt behandelt zu werden!
    Ich würde mich in solch einer Situation wohl ähnlich fühlen wie Du. Danke, dass Du es aufgeschrieben hast!
    Alles Liebe Nadine

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    1. Liebe Nadine,
      es ist gut Feedback zu bekommen und wenn es dann auch noch so ausfällt... vielen Dank für deine bestärkenden Worte. Wir alle sollten uns manchmal Gedanken machen, was wir weiter geben. Und vielleicht sollte man sich in die Lage versetzen und sich fragen, wie man es selbst finden würde gefilmt zu werden. Empathie spielt da wohl eine Rolle...
      nachdenkliche Grüße Anne

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