Donnerstag, 22. Oktober 2015

böse und lieb - über Gefühle

"Mama, bist du böse?", fragt mich Krümelie. Es trifft mich. Ich frage mich, was mich an dieser Frage stört... 

Ich erkläre ihr, dass ich aufgebracht bin. Ich ärgere mich, bin auch traurig. Es stört mich, dass ich keinen klaren Gedanken fassen kann, wenn mir ständig eine schrille Stimme im Ohr klingt. ABER ich bin nicht böse. Ich habe Gefühle. Ich zeige sie. (Manchmal ungefiltert. Manchmal zu heftig.) Ich erkläre weiter, dass Taten böse sein können, wie mutwillige Zerstörung. Ich verweise auf "den bösen Wolf", der mit Absicht die kleinen Schweinchen schnappen will. Ich versichere ihr, dass ich, auch wenn ich aufgebracht bin, nicht böse bin und sie lieb habe. 

"Ich bin doch lieb.", beteuert Krümelie. 

Hach, der nächste wunde Punkt getroffen. Ich wäge ab. Zuviel Erklärung. Ich lasse es. Nehme Krümelie in den Arm. 

"Lieb haben" fällt in die Kategorie "Gefühle". "Lieb sein" ist eine leere Hülle von undefiniertem, eventuell antrainiertem Wunschverhalten, was nach gut Dünkel der Machthabenen Erwachsenen eingesetzt wird. Es sagt nichts aus. "Sei lieb, sonst bringt der Weihnachtsmann keine Geschenke.", fällt mir dazu ein. Es würde vielleicht bedeuten, dass der/die Angesprochene nicht laut sprechen, die Füße unter dem Tisch still halten, lächeln, knicksen, nicht rennen oder was weiß ich auch immer tun oder eben nicht tun soll. Eben so unnütz ist auch: "Benimm dich ordentlich.". Ein Satz der je nach Person mit anderem Inhalt gefüllt wird. 

Über Gefühle zu sprechen, ist nicht immer leicht. Ich lebe meine Gefühle aus. Natürlich bin ich soweit sozialisiert, dass ich mich mit anderen Menschen bzw. in der Öffentlichkeit, beherrsche und meine Befindlichkeiten gegebenenfalls verbalisiere. Krümelie und Krümel lernen das noch. 

BÖSE und LIEB SEIN im Allgemeinen sind wie Sammelbegriffe. Verhalten, was gefällt, ist lieb, was nicht gewünscht ist, ist böse. Das heißt nicht, dass ich nicht auch "böse werde" oder zu Krümelie sage: "Das ist aber lieb von dir". Aber ich generalisiere dabei nicht. Die Bandbreite an Gefühlen und Verhaltensweisen ist meiner Meinung nach größer und differenzierter. Warum können wir sie nicht nutzen und verbalisieren? 

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