Freitag, 14. August 2015

Mädchensein und Ullrich-Turner-Syndrom - Muttergedanken

Ich gebe es zu. Ich bin berechnend. 
Kürzlich schrieb hier darüber, dass Krümelie einige gängige Mädchen-Klischees bedient. Sie setzt sich mit sich, ihrem Körper, ihrer Wirkung und dem Mädchensein auseinander. Sie tut das im Übrigen wie jedes andere Mädchen auch. 


Dipl.-Psych. Angelika Bock schilderte hier für den Blogpost über äußerliche Merkmale des UTS, dass ihrer langjährigen Erfahrung nach Betroffene in der Regel nicht den gänigen Schönheitsidealen und aufgrund der Größe und ihres Körperbaues auch nicht den üblichen Konfektionsgrößen entsprechen.

Mir kam in den Sinn, dass mir beim Kauf von Sommerkleidchen (Mädchen halt) bzw. neuen Anziehsachen für Krümelie eine gewisse Problematik auffiel. Krümelie ist 89,5cm groß. Sie würde damit Kleidergröße 92 tragen, passt aber auch in 86 oder 98. Es ist wie bei Frauensachen allgmein; die Größenangaben, Schnitte und Maße variieren. Ab Größe 92/98 findet jedoch meist der Wechsel zwischen Baby- und Mädchenabteilung statt. Die Mädchenkleidung wird körperbetonter. Was ich im Übrigen sehr fragwürdig finde. Es bringt dahingehend Probleme, dass Krümelie´s Oberkörper in manche dieser Schnitte nicht passt. Er ist breiter, wirkt dann auch nochmal kräftiger, und die Sachen sind dann einfach zu eng und schneiden an den Bündchen oder Nähten an der Taille ein. Das Hosen und Oberteile unterschiedliche Größen haben, begründet sich auch darin. Die obere Körperhälfte wirkt im Vergleich zur unteren wuchtiger. Was ich eben nicht noch betonen möchte. 

Frau Bock äußerte weiterhin, dass Mädchen und Frauen mit UTS als solche und als mädchenhaft/weiblich wahrgenommen werden wollen. 

Spätestens an dieser Stelle beginnt mein Gehirn zuarbeiten. Mein mütterliches Herz wittert Gefahr. Meinem "Baby" könnte Leid wiederfahren. Es könnte an sich zweifeln, sich nicht schön und liebenswert finden, weil unser aller Empfinden von Schönheit auf perfekte, große, schlanke, mädchenhafte Frauen geeicht ist. Wie erwähnt, ich bin berechned. Ich bin diejenige welche, die die UTS-Komponente dabei beachtet bzw. einbringt und jetzt schon Maßnahmen ergreift.


Was tue ich also? 

In diesem jetzigen, prägenden Alter von Krümelie wird das Fundament erschaffen. Ich will, dass sie möglichst viele positive Erfahrungen abspeichern kann. Ich will ihr möglichst viel Handwerkszeug mit geben, damit sie gewappnet ist, wenn jemand ihre Weiblichkeit anzweifelt und sie stigmatisieren will wegen ihres Äußeren. Ist sie selbst mit etwas unzufrieden, soll sie wissen, wie sie sich "hübsch" machen kann.  

Oberflächlichkeit könnt ihr jetzt schreien. Und ich kann gelassen antworten:  Wenn ich "nachhelfe" und mein Äußeres "aufmotze" oder meine natürlichen Vorteile betone, dann fühle ich mich besser! Das strahle ich aus. Und wenn ich mit mir zufrieden bin, kann mich auch keiner hänseln. Das nicht allen das Gleiche gefällt, ist eine andere Nummer. Ich kann zu mir stehen, weil ich mir gefalle, darauf will ich hinaus.  

Ich unterstütze Krümelie bzw. bremse sie nicht aus. Kleiderkauf und Wahlmöglichkeiten, was sie anziehen möchte, beinhaltet mein Plan. Gut, die Auswahl der Anziehsachen wird je nach Wetter und Situation auch eingeschränkt. Offene Schuhe bei Regen werden untersagt. Aber Taschen und Accessoires wie eine Sonnenbrille oder ein Haarreifen können ausgesucht und mitgenommen werden. Auch wenn Mama das am Ende in ihrer Tasche findet.
Nagellack und Lippenstift dürfen sowieso ausprobiert werden. Eincremen bzw. einölen nach dem Baden übernimmt die junge Dame mittlerweile selbst. 

Ein weiterer Teil des Plans beinhaltet Vorbildsein. Mama pflegt sich anders als Papa. Und ich lege in bestimmten Situationen mehr Wert auf mein Erscheinungsbild als der Herr des Hauses. Nicht das er nicht auch gut aussehen will (und sieht). Er hat es schlicht leichter. Ich muss mehr nachhelfen. 


Ein Beispiel

Wir tragen fleißig das "X-MAL ANDERS Ullrich-Turner-Syndrom! Ja, und?! - Buch und seinen Gedanken von der Vielfalt des Seins in die Welt hinaus. Dafür wurden wir an einem Sonntag im August fotografiert (dazu hoffentlich bald mehr). Wofür ich im Beauty Salon meines Vertrauens von fachkundigen Händen "aufgehübscht" wurde. Und wiederum dazu nahm ich Krümelie mit. Zeit für uns Mädels. 

Haare. Make-up. Quatschen. Lachen. 
Krümelie hat genau aufgepasst. Noch Tage später schlüpft sie in eine Rolle und ich muss mich vor einen (imaginären) Spiegel setzen. Sie hat wirklich genau aufgepasst. Bei jedem meiner Besuche bietet sie mir nämlich einen Kaffee oder Wasser an und streichelt mir über die Wange (eine Geste, um meine Haut zu testen, wie wir lernten). In ihrem Spiel stellt sie sich hinter mich und macht mir dann die Haare. An jenem Vormittag mit echtem Spiegel sah das dann so aus:
Foto aufgenommen von Krümelie bei Püppikram
Mädels unter sich. Noch so ein Klischee. Und ein anderes Thema. Es war super angenehm, hat Spaß gemacht, mich verwandelt und mir ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Genau das wollte ich Krümelie zeigen. 
Die junge Dame und ich trugen dann zum Treffen mit einer freien Journalistin und einem Fotografen auch Kleider. Was bei mir Seltenheitswert hat. Ein Kleid hat für mich viel mit Feminität zu tun. Ich möchte meiner Tochter aber eben zeigen, dass jede Frau Facetten hat. Und an diesem Tag passte es einfach. Krümelie wollte ihre Haare offen tragen, um ihre ganze Pracht zu zeigen. Ihre Entscheidung. So wird´s gemacht. 

Krümelie ist ein Mädchen. 

Viel zu jung. Viel zu früh. Lass das Mädchen, Kind sein, könntet ihr jetzt wieder äußern. Und ich kann gelassen antworten: Jetzt. Genau jetzt. In diesem Moment beschäftigt sich Krümelie mit dem Mädchensein. Warum also nicht die Chance nutzen? Vielleicht will sie bald nur noch Hosen tragen, mit Auto´s spielen, klettern und typische Jungssachen machen. Dann weiß sie, dass sie ein Mädchen ist und Dinge tut, die ihr gefallen, dass sie dabei jedoch immer sie selbst und ein Mädchen bleibt. Krümelie ist ein Mädchen. Das kann ihr keiner absprechen. 

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