Freitag, 24. Juli 2015

Arztbesuche und ganz viel Gefühl

Drei Jahre ist Krümelie geworden. Der Zahlenwechsel bedeutete auch, dass verschiedene "Begutachtungen" alias und Kontrolltermine anstanden. Die U7a beim Kinderarzt ist zwar ein Pflichttermin für jedes Kind, stellt aber einen Termin mit der kürzesten Einschätzzeit und der stärksten nachwirkenden Kraft dar. Immerhin kommen von dort die Überweisungen. Dieser Check-up sollte daher zum Schluss sein. Die 6augenärztliche Kontrolle und einige Tage später die "Prüfung" im SPZ (sozialpädiatrisches Zentrum mit weiterbehandelnden Fachkräften) und dann mit den Ergebnissen zum Kinderarzt - so war mein Plan. Der HNO-Termin steht noch aus. 

Da Krümelie kein "unbeschriebenes Blatt" ist, weil wir eine Vielzahl stressiger Arztbesuche und Krümelie auch einige Krankheiten hatte, sind diese Termine nicht besonders spaßig bisweilen soger sehr tränenreich. Ich konnte im Vorfeld nicht einschätzen wie Krümelie in den einzelnen Situationen mitmachen wird.
Vorbereitend bat ich daher frühzeitig im Kindergarten nach einem Termin für das jährliche Entwicklungsgespräch. Die Erzieherin kennt Krümelie nun bald zwei Jahre. Morgens sehe ich meine Tochter meist fröhlich in den Gruppenraum gehen. Sie ist dort gut aufgehoben und kann sich entfalten. Sie ist also weder gehemmt, noch wird sie von völlig Fremden "beurteilt". Ich vertraue der Einschätzung der Erzieherin und ihr Urteilt resultiert eben nicht aus einem kurzen Aufenthalt.

Im Kindergarten 

Das Entwicklungsgespräch kurz nach Krümelies Geburtstag verlief dann sehr angenehm. Wir haben eine phantasievolle, gut entwickelte Tochter. Sie hat Stärken (im sprachlichen und spielerischen Bereich) und Schwächen (Feinmotorik- bei der Nutzung von Besteck und Stiften zum Beispiel), langweilt sich nicht im Kindergarten wegen Unterforderung und kann Herausforderungen finden, an denen sie wachsen wird. Sie hat Freunde gefunden, vertieft sich in Rollenspiele, gestaltet mit Begeisterung, mag den Morgenkreis, isst, schläft und ist einfach ein Kind der Gruppe. Prima.



Beim Augenarzt 

Um den ersten Geburtstag herrum fiel auf, dass Krümelie schielte. Das hat sich gegeben, soll aber weiter kontrolliert und die Sehfähigkeit soll getestet werden. Sollte müsste es heißen. Dieser Besuch ging nämlich "in die Hose". Mit einer speziellen Postkarte sollte das räumliche Sehen getestet werden. Formen sollten erkannt bzw. benannt werden. Krümelie weigerte sich und presste sich an ihren Papa. Ermunterungen scheiterten. Keinerlei Untersuchung möglich. Die Ärztin nahm es gelassen.
Neuer Termin. 
Bis zum nächsten Mal.

Im SPZ

Den Termin im SPZ stellte ich mir entspannt vor. Früh um 8:00 Uhr, mit munterem und ausgeruhten Kind, sollte er ca. eine Stunde dauern. Genug Zeit, damit Krümelie "auftauen" kann und zeigt, was sie kann oder zumindest ein wenig spricht. Doch weit gefehlt. Wir trafen auf eine neue Ärztin. Die dritte, uns betreuende, Fachkraft in drei Jahren. Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen und leider stimmte die Chemie nicht. Wahrscheinlich merkte das Krümelie auch. Sie zeigt sich besonders anhänglich und unwillig. Nach einem kurzen Frage-Antwort-Gespräch (über Neuigkeiten, Ess-, Toiletten-, Spielverhalten, Selbständigkeit usw.) mit mir sollte Krümelie Ball spielen, hüpfen, werfen, fädeln und ein Bild malen. Halbherzig erfüllte sie die Aufgaben. Das anschließende Ausziehen sorgte für Tränen. Abhören, Abtasten, Messen, Wiegen und prüfende Blicke - Krümelie wollte weg. Nach dem Krümelie dann wieder angezogen war, konnten wir mit einer freundlichen "ihr Kind ist toll, aber"- Aussage von der Frau Doktor gehen. 

Beim Kinderarzt 

Die Beisterung hielt sich allgemein in Grenzen. Ich wurde jedoch angenehm überrascht. Der Sehtest war okay. Die Schwester zeigte auf Symbole und Krümelie musste auf die Knöpfe mit den gleichen Symbolen drücken. Keine 100%, aber Krümelie hat prima mitgegemacht. Farben und Formen nennen, Sriche ziehen, Bausteine stappeln, eine Pyramide bauen, einige Fragen zum Beispiel, ob sie Laufrad fährt, Messen und Wiegen mit leichter Zurückhaltung alles erledigt. Ärztliche Kontrolle (Abhören, Ohren check und herzliche Frage nach ihrem Wohlbefinden) tapfer ertragen ohne Tränen. Und dann hat sie aufgepasst, dass Krümel seine U5 gut übersteht. 

Ergebnisse: Krümelie´s körperliche Maße

mit 3 Jahren und einem Monat  
* Größe: 89,5 cm
* Gewicht: 12,5 Kilo
* Kopfumfang: 49 cm 
* Schuhgröße: 23/24

Zum Vergleich - vor sieben Monaten sah das so aus:
* Größe: 83 cm
* Gewicht: 11 Kilo
* Kopfumfang: 47,5 cm 
* Schuhgröße: 20/21 

Alle zufrieden mit der körperlichen und allgemeinen Entwicklung.


Unter´m Strich: mütterliche Gefühle

Ja, es ist wichtig ein Auge auf die kindliche Entwicklung zu haben und den gesundheitlichen Zustand zu betrachten. Aber an Richtlinien und Normen entlang wird mein wunderbares Kind begutachtet und es fühlt sich an, wie eine Fehlersuche. Mein mütterliches Herz sorgt sich, zweifelt und möchte einfach nur in Ruhe lieben.

Eine unbedachte Äußerung der Ärztin vom SPZ fiel auf diesen Nährboden. "Sie haben eine innige Beziehung, aber sie müssen schauen, dass sie ihrem klammernden Kind nicht die Möglichkeiten nehmen.", sagte sie. Sinngemäß. Sie sagte wirklich: "Sie haben eine innige Beziehung, aber...". Alles nach dem Aber wurde übertönt von meinem inneren Aufschrei. Wie jetzt? Kann ich meine Tochter zu sehr lieben? Schade ich ihr? 

Da bin ich also in einem Raum mit einer fremden Frau und meiner Tochter. Krümelie wäre lieber woanders und würde spielen und nicht angefasst und begutachtet werden. Übertragung kann ich einbringen, weil mir die Frau nicht auf den ersten Blick sympathisch war. Ich finde es vom Gesprächsführungsaspekt ungünstig eine Hilfesuchende mit "ihr Kind ist toll, aber ihre innige Beziehung hindert es" zu verabschieden. Was bleibt, ist ein fader Beigeschmack. Was bleibt, ist Unsicherheit. Soll ich mein Kind wegschubsen? Druck ausüben? Ist es nicht natürlich, dass in einer unbekannten Umgebung, mit einer fremden Frau, die zu einer Gruppe von Menschen gehört, die ich mit Krankheit, gar Schmerz, verbinde, schutz bei meiner Mama suche? Ungeachtet der Tatsache, dass ich in einem anderen Kontext auch anders auf Anklammern (und Kokettieren) reagiere. Ich setzte Grenzen, aber ich bin (meist) sanft und kindorientiert. 

Das saß. 

Und dann passierte etwas. Damit hätte ich nicht gerechnet. Es machte mir aber etwas sehr bewusst. Ich traf meinen Vater. Zuletzt hatte ich ihn gesehen als Krümelie 6 Monate alt war. Wir treffen also auf einander. Krümelie, ich und er aßen ein Eis. Ich kam mir wie im falschen Film vor. Unwirklich. Merkwürdig. Er redete und redete; prahlte und stellte sich dar. Er erkundigte sich nicht nach Krümel  - Gut, der ist erst im Februar geboren. Er kennt ihn nicht, kann man vergessen - und auch nicht nach dem Herzmann. Letzterer und ich sind seit 10 Jahren ein Paar; nur nochmal zum Verständnis. Das Interesse an Krümelie gering. Fragen wurden gestellt. Die Antworten nicht gehört. Die ganze Situation war unterkühlt. Nett lächeln und nicken.

Ich liebe meine Kinder. Und ich hoffe, dass niemals so eine freudlose Distanz zwischen uns ist. Ich will nicht, dass sie danach lechzen sich in meiner Aufmerksamkeit zu sonnen. Oder verzweifelt versuchen mir aus dem Weg zugehen. Sie sollen sich geschätzt und anerkannt fühlen. Ich kreise nicht wie ein Helikopter um sie. Sie sollen ihre eigenen Erfahrungen machen. Aber ich werde sie nicht wegschubsen, wenn sie sich an mich klammern. Sie sollen von sich aus gehen.

Krümelie ist fremden Menschen und Situation gegenüber manchmal "komisch". Man könnte es mit Schüchternheit oder Zurückhaltung bezeichnen. Sie sucht dann intensive Nähe, hält sich an meiner Hose fest und flüstert mit gesenktem Kopf. Aber das ist nur ein kleiner Teil von ihrer Art. Die Schwester beim Kinderarzt ist emphatischer damit umgegangen. Und dort blieb unter´m Strich: Sie sind in augenärztlicher Betreuung, die Erzieherinnen sind zufrieden, dann kann ich ihnen nur einen schönen Tag mit ihrer tollen Tochter wünschen. 
Und Mama ist beruhigt. 

Kommentare:

  1. Ich bin das erste Mal auf dieser Seite - und höre dieser Tage das erste Mal von UTS ... - aber wenn ich den Beitrag über diesen Arztbesuch lese, spüre ich dabei nur ganz viel Ärger über "unsere" (=gesellschaftliche) Einstellungen zur Entwicklung von Kindern. Was da bei einer Dreijährigen abgeprüft wird, und vor allem WIE, das hört sich nach Examen an. Ein Dreijähriges, welches sich an seine Mama kuschelt in fremder, relativ unbekannter Situation - das würde ich als SEHR normal bezeichnen und hätte eher Sorge, wenn es sich unbefangen auf alles einlassen würde! Ich wünsche Ihnen ganz viel Liebe und Gelassenheit - nicht nur im Umgang mit Krümelie, vor allem Gelassenheit auch im Kontakt mit unserer Maschinerie von Vorsorge und Kontrolle im Gesundheitswesen!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Heidrun,
      vielen Dank für dein Kommentar. Maschinerie ist ein sehr passender Begriff. Es ist ein schmaler Grad zwischen vorbeugender und hilfreicher Unterstützung und beängstigender und verunsicherder Begutachtung, die uns da begegnet im Gesundheitswesen. Einmal "drin" ist es schwer herauszukommen. Jeder "guckt" mal und die Kontrolltermine (auch die üblichen wie den Zahnarztbesuch) summieren sich. Manchmal frage ich mich, wieviel und was wirklich nötig ist, aber wir wollen das Beste für Krümelie und daher gehen wir auf Nummer sicher. Aber ein bisschen mehr lasst die Kinder Kinder sein, wäre schön.
      Für dich auch alles Gute;
      Viele Grüße Anne

      Löschen
  2. "Aber an Richtlinien und Normen entlang wird mein wunderbares Kind begutachtet und es fühlt sich an, wie eine Fehlersuche."

    Bei meiner Tochter wurde vor kurzem UTS diagnostiziert - nachdem Dysmorphiezeichen (Fehlbildungen) gefunden wurden. Ich dachte die ganze Zeit: "was machen die hier? Mein Kind ist perfekt" ... noch nie fühlte ich mich so schwach.

    Ich habe Ihr Buch bereits gekauft und danke Ihnen hiermit für Ihre Offenheit. Danke, dass Sie uns teilhaben lassen und uns begleiten.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Diana,
      wir begeben uns in die Hände von Medizinern, weil wir das Beste für unsere Töchter wollen. Dabei müssen wir auf ihr Wohlwollen hoffen, wenn sie unsere geliebten Kinder in Frage stellen. Das ist zermürbend. Ich wünsche euch alles Gute. Vg Anne

      Löschen